Requiem für den Frühling
Sehr geehrter Herr Frühling,
wie Sie vielleicht wissen, mag ich keine Verspätungen. Nein, nein, fühlen Sie sich nicht gleich angegriffen, kalendarisch gesehen sind Sie noch gar nicht dran. Aber sehen Sie… wir Autofahrer, wir glaubten bis dato, Sie hätten vielleicht eine Vereinbarung mit dem Winter. Eine heimliche. Der hat sich nun ziemlich breit gemacht und erweckt nicht den Eindruck, als wolle er gehen. Stört Sie das denn nicht? Ach nein, warum auch? Sie stehen ja nicht morgens in aller Frühe auf, gucken aus dem Fenster und sehen fast täglich gefühlte 10cm Neuschnee. Sie stolpern nicht durch ein dunkles, kaltes Haus auf der Suche nach dem Knopf für die Kaffeemaschine, noch bevor Sie das Licht anmachen. Haben Sie schon einmal bei Dunkelheit am Morgen im nassen Schneeregen stehend die neuen, schweren, feuchten Massen von Ihrem Weg geschoben, nur um zu sehen, dass ein Räumfahrzeug Ihr Auto in einem Schneehaufen hat verschwinden lassen? Und damit fängt mein Morgen ja erst an!
Es geht noch weiter, Herr Frühling.
Ich darf doch “Herr” sagen? Oder sind Sie eine Frau? Holle, die ihre muffigen Betten über dem Norden ausschüttelt, ist ja auch eine Frau. Wo steckt eigentlich Herr Holle? Sollte der nicht auf den Bettfederschwund mal ein Auge werfen? Bestimmt zieht er wieder mit dem Winter um die Häuser!
Aber zurück zu Ihnen, Herr Frühling. Kennen Sie denn nicht das charakteristische Geräusch hochtourig durchdrehender Winterreifen auf Asphalt und Eis? Am Hang? Wohnen Sie am Hang? Zwischen jedem Schluck Kaffee vernehmen Sie von draußen dieses braaaaaaaaaaaaahhhhhhh sssiiiiiiirrrrrrrrrrrrrrrriiiiiiiiirrrrrrrrrrrrr!!!! bis zu dem Moment, wo es ruhig wird und das Fahrzeug, der Schwerkraft folgend, hangabwärts rutscht. chchchchchchhhhhh! Kennen Sie das, Herr Frühling? Zumeist folgt anschließend ein rabängrumms! oder ein chwopf!, je nachdem ob der arme Nachbar ein parkendes Auto oder die massiven Schneehügel am Straßenrand zum Anhalten benutzt hat. Sie gehen aber nicht raus zum Helfen, wie Sie das die letzten sechs Wochen gemacht haben, weil ihre kleine Tochter oben in ihrem Zimmer leise wimmert. Aus der tief sitzenden Erkältung ist nun eine Mittelohrentzündung geworden, und Sie müssen zur Arbeit. Haben Sie Kinder, Herr Frühling? Kümmern Sie sich um die? Arbeiten kann man das ja momentan nicht nennen, was Sie da so machen. Man ahnt hier und da etwas von Ihrer Ankunft, immerhin ist es schon um 7:30 Uhr hell. Aber lassen Sie sich bloß weiterhin Zeit, wer braucht schon Sonne und Wärme? All die schönen, inzwischen schmutzig braunen Schneeberge in den Straßen, wo früher einmal Parkplätze waren. Und niemand möchte doch wirklich die vom Winterfreund Frost zerstörten Asphaltdecken sehen, lassen Sie die Eisschicht da doch einfach drauf.
Auf ein Wort, Herr Frühling! Sie kennen das alles nicht! Das erklärt nachvollziehbar, warum Sie sich so viel Zeit lassen. Sie haben sich noch nie beim Scheibenkratzen halb die Finger abgefroren und sich vor der Motorhaube lang gelegt. Direkt auf Ihr Handy in der Gesäßtasche! Sie sind vermutlich noch nie mit Ihrem Auto in tiefen Spurrillen im nicht geräumten Wohngebiet unterwegs gewesen. Spurrillen, die bei Gegenverkehr unmöglich zu verlassen waren. Sie haben keine Anrufe Ihrer großen Tochter bekommen, die schlotternd seit 45 Minuten auf einen nicht kommenden Schulbus wartet. Oder? Sie schweigen. Wollen Sie nicht auch wieder einmal statt Verkehrmeldungen im Radio ein bisschen Musik hören? Sehnen Sie sich nicht nach Teenagern, die im Park Frisbee spielen statt älteren Menschen, die trotz Gehwagen ausrutschen und mit komplizierten Knochenbrüchen unsere Krankenkassen an den Rand des Ruins treiben? SIE hätten es in der Hand. Es bedürfte nur ein paar Grad mehr und des einen oder anderen Sonnenstrahls. Okay – einige tiefer gelegene Vorgärten werden kurz absaufen, aber Sie trocknen das schon wieder.
Also. WO BLEIBEN SIE DENN NUN???
Oder bin ich der einzige, der unter Ihrer Abwesenheit leidet…?
Sandmann
